SCHAU MICH AN!

Roxy, 28 Jahre

Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich frisch geduscht und, passend zum Thema, mit frisch rasierten Beinen im Bett.

Noch fühlt sich alles glatt an, aber meine Schienbeine fangen schon leicht an zu jucken und ich frage mich wie so oft: Warum tue ich mir das an?

Das erste Mal habe ich mir die Beine rasiert als ich 14 war. Ich kann mich noch recht gut an den Tag erinnern. Es war Sommer und meine 3 Jahre jüngere Cousine war zu Besuch. Ich wollte noch schnell duschen und als ich dann da stand in der Badewanne, hat der grüne Einwegrasierer meiner Mutter (schrecklich für die Umwelt, ich weiß. Ich selbst bin inzwischen auf die nachhaltige Version aus Metall umgestiegen) mich regelrecht angeschrien. Das kleine Plastikding ist mir vorher noch nie aufgefallen und mein 14-jähriges Ich dachte sich nur: Naja, es wird wohl Zeit.

Damals dachte ich mir, meine Mutter habe ihn absichtlich in der Dusche liegen gelassen, sodass ich ihn finde und benutze. Heute weiß ich, meine Mutter hatte zu der Zeit wohl die gleichen Gedanken im Kopf wie ich. Glatte Beine ja oder nein?

Naja, ich fing also an meine Beine mit Shampoo einzureiben und die Klingen über meine Beine zu ziehen. Ich habe wohl länger gebraucht als ich dachte, weil nach einer Weile klopfte es an die Badezimmertür und es wurde gefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja natürlich, antwortete ich sofort, beeilte mich aber, um schneller fertig zu werden.

Eine weitere viertel Stunde später bin ich dann freudestrahlend auf die Terrasse zu meiner Mutter und Cousine gekommen und habe ihnen stolz meine Beine gezeigt.

Da war ich noch total stolz und ahnte nicht, wie das die nächsten Jahre zu einer nervtötenden Routine werden würde. Schon am nächsten Tag, als die ersten stoppeligen Haare wieder durch die Haut kamen, war ich enttäuscht.

Heute, weitere 14 Jahre später, verfluche ich die Gesellschaft für diesen Schönheitstrend.

Es gibt viele Dinge an meinem Körper, die ich hasse. Mein Bodyimage von mir selbst könnte beinahe nicht schlimmer sein, aber Körperhaare waren bisher immer das schlimmste für mich. Besonders weil ich sehr viele davon habe. Und jedes einzelne scheint einfach zu schreien SCHAU MICH AN!

Es hilft auch nicht, dass ich ein großer Film- und Serienfan bin.

Weil jedes Bild in einem Magazin von Scarlett Johansson mit perfekt glatten Beinen oder jedes Video von einer anderen Hollywood Ikone verstärkt den Druck nur noch.

Sogar fiktionale Charaktere, die im tiefsten Dschungel kämpfen wie Karen Gillans Ruby Roundhouse in Jumanji oder solche, die in der Wüste herrschen wie Charlize Therons Furiosa in Mad Max: Fury Road oder die Amazonen aus Wonder Woman, die auf auf einer einsamen Insel leben – alle haben perfekt gepflegte und glatte Haut.

Die letzten Jahre hat sich zum Glück viel getan! Social Media sei Dank! Frauen posten stolz Bilder von sich mit ihren Körperhaaren. Einfach, weil sie keine Lust mehr haben, sich von der Gesellschaft vorschreiben zu lassen, was richtig ist und was nicht.

Ich schaue wirklich zu diesen Menschen auf. Einfach, weil ich weiß, dass ich noch nicht ganz so weit bin.

Durch die Covid-19 Pandemie hatte ich inzwischen genug Zeit, mich besser mit meinem Körper anzufreunden und auch mal die Haare stehen zu lassen, aber nach einer Woche muss dann der Rasierer wieder zur Hand. Nur nicht mehr so gründlich wie es früher mal war.

Also vielleicht freunde ich mich ja doch immer mehr mit den kleinen schwarzen Haaren auf meinen Beinen an. Heute jedoch mussten alle weg, einfach nur, weil ich wieder öfters meine Lieblingsjeans anziehen möchte. Und die hat leider sehr große Löcher und zeigt viel Haut.

Meine Mutter hat inzwischen das Rasieren auf so einmal im Monat begrenzt, mit der Aussage, es sei ihr zu viel Aufwand und ihr Ehepartner kennt sie sowieso mit Haaren – von daher könne sie sich das auch sparen. Allerdings versorgt sie mich nach wie vor gerne mit Pflastern für den Fall, dass ich mich beim Rasieren schneide – als Geste der Solidarisierung.

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