Der lange Weg der Dekonstruktion von „Weiblichkeit“

Weena, 28 Jahre

Durch eine Freundin und Kollegin habe ich von diesem Projekt erfahren. Sie weiß um den Seiltanz meines alltäglichen Lebens, mich einerseits beruflich gegen Diskriminierungsphänomene einzusetzen und mich andererseits privat diesen häufig demütig zu unterwerfen. Die damit oftmals einhergehende Ohnmacht und Wut, aber auch das empfundene Leid, mich von dem in unserer Gesellschaft propagierten und vorherrschenden Schönheitsbild zu verabschieden – oder mehr noch: dieses vollständig zu dekonstruieren und aus meinem Alltag zu verbannen – stellt einen tiefen Wunsch meinerseits dar. Diese Auswirkungen fühlen sich häufig wie ein Gefängnis für meinen Körper an bzw. lassen mich zu einer Gefangenen bestimmter dominanter gesellschaftlicher Vorstellungen von „Schönheit“ mutieren. Viele Kämpfe habe ich geführt und führe ich noch gegen die natürlichen Gegebenheiten meines Körpers – Körperhaare sind dabei eine der Herausforderungen, die sich mir bewusst seit meinem elften Lebensjahr stellen. Zu meinem elften Geburtstag erhielt ich eine kostenlose Ganzkörperentwachsung von meiner Mutter (sie ist Kosmetikerin und legt sehr viel Wert auf die erwähnten, vom globalen Norden gesellschaftlich konstruierten, verbreiteten und vertretenen Schönheitsnormen). Ihrer Auffassung nach war die Anpassung meines Körpers an das Ideal einer Haut, die nicht mit dunklen, dicken Haaren an Beinen, Armen, Po und besonders im Gesicht ausgestattet war, die geeignetste Möglichkeit, um mich von dem darauf bezogenen Mobbing in der Schule zu „befreien“. Den Jungs meiner Stufe war ich aufgrund meines muskulösen Körpers, aber besonders wegen meiner Barthaare wesentlich zu „maskulin“- für ein „Mädchen“ natürlich. Selbstverständlich wollte auch ich die Merkmale, die mich weniger „weiblich“ machten, los werden. Befreit wurde ich nie, schon gar nicht von der auferlegten Bürde, mich nur dann akzeptieren und schön finden zu können, wenn ich meinem Körper Dinge wegnehme, ihn verändere und korrigiere. Indem ich begann mich in ein System zu zwängen, welches mir auferlegt, mich täglich mindestens zwei Stunden mit dem Äußeren meines Körpers zu beschäftigen (und dabei spreche ich noch nicht die Ernährung, den Sport etc. an), anstatt mich mit Dingen zu beschäftigen, die wirklich wichtig sind (Weltretten zum Beispiel – naja oder zumindest mit Überlegungen dazu, wie ich ein Mitglied der Gesellschaft sein kann, das  sensibel, solidarisch, gerecht, würde- und respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht) habe ich mich zur Wächterin meines eigenen Körperkönigreichs erkoren.

Wenn nicht der Bart in meinem Gesicht, mein zu muskulöser Mädchenkörper oder die zu dunkle Haut, Augen und Haare im Mittelpunkt der Verachtung standen, dann war es eben eine zu prüde und langweilige Lebenseinstellung oder eben einfach mein Name, der sich nicht Deutsch und scheiße anhört. Ich denke nur eines hätte mir wirklich geholfen – eine Gesellschaft, die sich nicht auf eine sehr enge Sichtweise von Lebensrealitäten beschränkt, sondern die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern diese begrüßt und wertschätzt sowie als wertvoll betrachtet.

Für so vieles könnte ich die Energie und Kreativität meines ICHS nutzen – zum Beispiel, um darüber nachzudenken und zu debattieren, was genau Michel Foucault meinte, als er schrieb: „Die Seele ist das Gefängnis des Körpers“. Scheint mir irgendwie bedeutender als mir darüber den Kopf zu zerbrechen, wie ich meine Woche so strukturieren kann, dass ich es neben der Arbeit, dem Ehrenamt, meinen Verabredungen und dem Sport schaffe, mich für mein Date, bei dem ich potentiellen Sex haben könnte, wohl zu fühlen, ohne dass haarige Überraschungen, ein ungeschminktes Gesicht und Cellulite mir verbieten, intim zu werden.

Es kommt mir überzogen vor, doch rechne ich die Zeit meines gesamten Lebens, die ich dafür investiert habe, um mich in meinem Körper wohl zu fühlen, zusammen, komme ich etwa auf 9.984 Stunden. In dieser Zeit hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Dissertation verfassen können – aber ja, wer weiß das schon so genau… Ist ja auch wichtig sich wohl zu fühlen, oder? Die Frage ist irgendwie vielmehr, wieso darf ich mich in meinem Körper nicht so wohl fühlen, wie ich bin? Mit elf konnte ich das leider noch nicht ganz so frei bestimmen, wie ich das heute kann. Doch auch diese Freiheit und das angeeignete Wissen hilft manchmal nicht, mich aus den Spinnennetzen des Systems frei zu strampeln. Vor allem nicht an einem Tag mit besonders starkem Muskelkater von den Kämpfen gegen die klebrigen Fäden…

Eines ist mir jedoch mittlerweile, besonders durch meine beruflichen Tätigkeiten, bewusst geworden: Indem ich mich mit meinem Handeln den beschriebenen Zwängen unterwerfe, suggeriere ich jungen Menschen doch genau das Gegenteil von dem, was ich mir anstelle einer Enthaarung eigentlich zu meinem elften Lebensjahr gewünscht hätte: Liebe, Anerkennung, Mut und Zuspruch. Dafür, dass ich genauso gut bin wie ich bin – nicht perfekt, nein – einzigartig, wunderschön von innen und von außen, mit allem was zu mir und meinem Körper dazugehört. Und das ist eben so viel mehr als mein Körper… Anstatt an diesem herum zu werkeln, versuche ich heute meinen wertvollen Verstand und meine Kreativität dazu zu nutzen, jenen heteronormativen Schönheitsidealen in den Arsch zu treten.

Die häufig von außen auferlegte Pflicht und Erwartung, einem bestimmten Bild von einer „hübschen“ Frau entsprechen zu müssen sowie die stetige Reduktion auf mein Äußeres haben mich beinahe so verblendet und vergessen lassen, was die Dinge sind mit denen ich mich selbst am allermeisten identifiziere möchte: Einem starken Charakter, einer vielseitigen Persönlichkeit, einem unermüdlichen Drang zu sozialer Gerechtigkeit, einem warmen Herzen, Wissensdurst und respektvolle Neugierde am Leben.

Ich wünsche mir, dass Sexismus und auch weitere Diskriminierungskategorien, offener sowie wertschätzender besprochen werden können. Dass sich nicht nur ein gewisser Teil der Gesellschaft mit der Thematisierung, Dekonstruktion sowie mit dem damit verbundenen Einsatz für soziale Gerechtigkeit beschäftigt, sondern eben die „breite Masse“. Projekte wie dieses ermöglichen, dass diskriminierende Erfahrungen besprechbar und stärker anerkannt werden. Deshalb bin ich dankbar, dass Menschen immer wieder versuchen explizite Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sie eine verletzungsreflexive und fehlerfreundliche Atmosphäre gestalten wollen, damit das Sprechen und Hören dieser Themen ermöglicht werden kann bzw. potenziert wird.

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